Wissenschaftlicher Hintergrund

„Dauerstress ist der Stress, der gemäß aktueller Forschung die Leistung um 30% und die Fähigkeit, kreative Lösungen zu entwickeln noch viel stärker reduziert.“

„Steile These!“ mögen einige denken – wo sind denn dafür die Beweise?

Die Aktion gegen Dauerstress arbeitet auf der Grundlage aktueller Erkenntnisse evidenzbasierter Wissenschaft. Daher kannst du davon ausgehen, dass wir unsere Aussagen belegen können, wie auch in diesem Beispiel:

„Dauerstress reduziert die Leistung um 30%“

Diese Aussage geht auf den evolutionären Anthropologen Herman Pontzer zurück, Associate Professor of Evolutionary Anthropology and Global Health am Global Health Institute der amerikanischen Duke University zurück.

In seinen Forschungen zum Stoffwechsel und zum Energieverbrauch stellte er durch Messungen des CO2-Anteils in der Ausatemluft fest, dass Menschen unter Stress zwischen 30 und 40% ihrer Energie in die Prozesse des Stresses leiten (Schwitzen, höhere Herzfrequenz usw.), so dass nur noch 60-70% der Energie für andere Tätigkeiten zur Verfügung stehen. Wenn wir also eine Stunde unter Stress arbeiten, sind wir nur 42 Minuten produktiv, was sich gegenüber einer stressfreien Periode in 18 Minuten Nacharbeitszeit zeigt, die wir als Überstunden kennen.

Wenn eines deiner Teammitglieder im Dauerstress ist, bringt es also in 8 Stunden Arbeitszeit nur 5,6 Std. Leistung – die fehlenden 2,4 Std. müssen dann oft von anderen Teammitgliedern aufgefangen werden, was die Gefahr erhöht, dass diese selbst in den Dauerstress fallen.  

„Dauerstress reduziert die Fähigkeit, kreative Leistungen zu entwickeln noch viel stärker.“

Wir wissen schon seit den Ursprüngen der Stressforschung durch Lazarus, dass Stress eine Angstreaktion ist, mit der die Natur uns im Falle einer Bedrohung auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Durch die Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol stößt sie im Körper Prozesse an, welche die Chancen, die Bedrohung zu überleben, erhöhen. Dazu gehört das Aufwärmen der Muskeln (sichtbar als Schwitzen), das Pumpen von Sauerstoff in die Muskeln (erhöhte Herzfrequenz) und die Reduktion des Sauerstoffanteils im Gehirn (Unkonzentriertheit, Fahrigkeit).

Gerade der Sauerstoffabzug aus dem Gehirn kann geschehen, weil wir bei Kampf oder Flucht den Verstand nicht wirklich benötigen. Kreativität und Innovation spielen da keine Rolle, rasch bewährte Strategien umzusetzen zählt: Bei Flucht geht es darum, schneller als das Raubtier zum nächsten Baum zu rennen. Bei Kampf gilt es, möglichst kräftig zuzuschlagen. In beiden Fällen verbraucht Nachdenken wertvolle Zeit, die dann für das Überleben fehlt.

Aus Sicht der Neurowissenschaften (u.a. Jessica R. Andrews-Hanna, Institute for Cognitive Science, University of Colorado at Boulder, Boulder, Colorado, USA) wird dabei das Task-Positive Network aktiviert, welches sich ideal zur Abarbeitung zielgerichteter Aktivitäten wie Kampf oder Flucht eignet. Dies ist eines von zwei Netzwerken im Gehirn, die sich gegenseitig ausschalten, d.h. nur eines davon kann in einem Moment aktiv sein. Die Aktivierung des Task-Positive Networks führt also zum Ausschalten des Default-Mode Networks, welches es erlaubt, sich selbst zu erkennen, seine Gefühle wahrzunehmen, seine Erinnerungen zu nutzen, und sich die Zukunft vorzustellen, also all die Fähigkeiten, die man benötigt, um kreativ und innovativ zu sein und sich zu verändern. Daher die Aussage, dass „Dauerstress die Fähigkeit, kreative Leistungen zu entwickeln noch viel stärker reduziert.“, nämlich quasi auf null setzt, wenn das Task-Positive Network im Stress aktiviert ist.

Du fragst dich vielleicht: Die Kampf-oder-Flucht-Reaktion war nützlich, als wir in der Steinzeit auf der Jagd von wilden Tieren bedroht wurden, aber diese Bedrohung gibt es heute bei uns doch nicht mehr. Warum reagieren wir denn immer noch so?

Nun, auch hier helfen uns die Erkenntnisse der Neurowissenschaften: Die Gehirnnetzwerke, die bei körperlicher Bedrohung aktiviert werden, sind dieselben, die auch dann aktiviert sind, wenn wir uns durch andere Menschen beurteilt fühlen (Social-Evaluative Threat). Dies ist ein Grund, warum Menschen Angst vor Vorträgen haben oder sich in Meetings nicht melden – obwohl sie etwas Wichtiges beizutragen hätten: Sie haben Angst davor, verurteilt zu werden. Ein Gefühl, dass viele von uns aus der Schule kennen dürften.